Die schmerzfreie Regulierung der Faszien im Körper durch Eutonie

„Das Fasziennetz ist das Gewebe unseres Körpers, das für Elastizität sorgt. Als dreidimensionales Spannungsnetz durchziehen Faszien unseren gesamten Körper wie ein „geschmeidiger Ganzkörperanzug“. Sie befinden sich in ständigen Aufbau- und Umstrukturierungsprozessen. Ihre Eigenschaften: Sie sind anpassungsfähig, dynamisch, elastisch rückfedernd, gleit- und dehnfähig, widerstandsfähig, reißfest, straff, stark und belastbar. In der Eutonie werden diese Qualitäten erlebbar und die Faszien trainiert.“ (DEBEGA homepage www.eutonie.de)  Beispielsweise werden auch große Faszienzugbahnen im Üben mit diagonalen Körperbewegungen  innerlich spürbar. 

In der Faszien-Eutonie geht ües um die Wahrnehmung des eigenen Körpers (Selbsterfahrung) und dem Fühlen von großen und auch kleinen Bewegungszusammenhängen im Körper. Durch das achtsame Spüren und innere Beobachten von Auswirkungen einer Bewegung entwickelt sich ein motorisches Feingefühl. Die Sprache der Eutonie in der Anleitung weckt Neugier, mit einer wachen Aufmerksamkeit eigene Zusammenhänge zu entdecken. Die Tonusegulierung der Muskelketten und Faszien ist eine Voraussetzung für fließende und geschmeidige Bewegungen. Faszien sind ein wichtiges Sinnesorgan und unverzichtbar für die Propriozeption (Bewegungsempfindung). Jeder kann lernen, durch die Eutonie seinen Tonus selbst zu beeinflussen und zu regulieren.

Der Tonus im Körper

Tonus bezeichnet den Spannungszustand in den Muskeln und den überall im Körper vorkommenden Faszien. Eine vertiefte Aufmerksamkeit und die Übungsweise der Eutonie-Prinzipien wirken regulierend auf den Tonus, das vegetative und motorische Nervensystem. Alle 3 Funktionssysteme wirken ineinander und beeinflussen sich gegenseitig.

Die Veränderungen im Tonus sind für die Übenden unmittelbar, während einer Eutonieeinheit wahrnehmbar und zeigen sich spürend im Seitenvergleich oft als deutlicher Unterschied in der aktuellen Körperwahrnehmung.

Hier einige Beschreibungen: Die übende Seite liegt flacher, tiefer oder breiter auf der Unterlage, kann sich mehr lösend an den Boden sinken lassen, ist wärmer, präsenter und besser spürbar, durchbluteter, leichter oder schwerer. Oder der Lendenbereich legt sich deutlich mehr am Boden ab obwohl kurze Zeit zuvor beim ersten Ablegen an den Boden noch ein großer Hohlraum bestand. Viele Übende sind verblüfft, wie schnell sich während des Übens in der Eutonie diese Spannung im unteren Rücken tatsächlich verändern kann – ohne Schmerzen und ohne Anstrengung.

Bereits seit 1957 arbeitet die ganzheitliche Eutonie-Methode mit der selbständigen und bewussten Tonusregulierung in den Muskelschichten und im Bindegewebe (wie man das Faziengewebe früher nannte). Gerda Alexander, die Gründerin der Eutonie, schrieb 1976 in Ihrem Buch Eutonie – Ein Weg der körperlichen Selbsterfahrung „In der Eutonie werden die im allgemeinen unwillkürlich wirkenden Regulierungen des Tonus und des vegetativen Spannungsgleichgewichtes bewußt beeinflußbar“.

Die aktuelle Faszienforschung mit ihren weiteren neuen Erkenntnissen bestätigt dieempirische Arbeit der Eutonie, die als komplementäre Körpertherapie nicht auf einzelne Muskeln, sondern schon immer auf die ganzkörperliche Vernetzung und die funktionellen Bewegungszusammenhänge gerichtet ist. Eine Bewegung oder Veränderung an einer Stelle des Körpers hat vielfältige Auswirkungen auf ganz andere Bereiche – dies auch innerlich zu spüren und wahrzunehmen gelingt durch die besondere Übungsweise im pädagogischen Eutonie-Unterricht oder auch durch die therapeutische Eutonie-Einzelarbeit.

Durch das Eutonie Prinzip Berührung mit der Arbeit an der Oberflächen- und Tiefensensibilität kommt es zu einer Stimulierung der sensorischen Wahrnehmungsfähigkeit und zu einem inneren Erspüren der Bewegung in denFaszien. Es sind keine aufwändigen Übungen notwendig. “Vielmehr ist die Wirkung einer minimalen Bewegung, die langsam und bewußt ausgeführt wird, viel tiefgreifender! Wenn dabei unser Bewegungsempfinden differenzierter wird, gewinnen wir eine ganz andere Voraussetzung, Bewegungen schnell oder langsam zu gestalten, ohne uns zu verspannen“ (Kjellrup, S. 14).

Der aktuelle Faszienforscher Robert Schleip schreibt dazu: „Unsere Bewegungen sind fundamental vom  Spüren, also dem Verarbeiten von sensorischen Informationen aus Muskeln, Gelenken und Faszien, abhängig. Sinnliches Erleben, die Körperwahrnehmung und deren Verfeinerung müssen also auch Bestandteil des Faszientrainings sein. Es ist kein mechanisches Routineprogramm, das man nebenher abspult. Gerade die Sinnlichkeitsimpulse und das bessere Spüren können Spaß und Wohlgefühl erhöhen, die mit der Bewegung einhergehen“ (Robert Schleip, S.87).

Genau darum geht es in der Übungsweise der Faszien-Eutonie:das eigene Spüren ist der Haupterlebnisbereich der Eutonieund wird besonders durch die klare, verbale Anleitung angeregt und weiter vertieft. Im Folgenden werde ich anhand eines Beispiels die Übungsweise der Faszien-Eutonie erläutern.

Die Tonusregulierung der Plantarfaszie

In der Eutonie werde klare, offene Fragen gestellt ohne Suggestion und ohne das Ergebnis des Spürens vorwegzunehmen. Jeder wird aufgefordert, selbst seine eigenen Empfindungen zu erleben – das kann individuell tatsächlich sehr unterschiedlich sein. Es wird Zeit gelassen in der Eutonie für die Wahrnehmung – für das Spüren und Hineinfühlen. Auch die ruhige Phase des Spürens wird von der Eutonie-Pädagogin verbal begleitet mit vertiefenden Fragen.

Die Plantarfaszie mit den hier gewählten Kastanien kann auch schmerzfrei intensiv bearbeitet werden. Bitte schauen Sie sich das Bild an und lassen Sie die Sätze der „Eutonie-Sprache“ auf sich wirken:

  • Spüren Sie die Berührung an der Haut Ihrer rechten Fußsohle mit den Kastanien. Bleiben Sie mit ihrem Körpergewicht auf dem anderen, linken Fuß. Wie nehmen Sie die Rundungen der Kastanien an Ihrer Fußsohle durch den Strumpf wahr?
  • Wie erleben Sie die Länge ihrer Fußsohle von der Ferse bis nach vorne zu den Zehen? In welchem Bereich spüren Sie mehr oder weniger Berührung mit den Kastanien?
  • Bewegen Sie nun tastend Ihren rechten Fuß auf den Kastanien etwas mehr auf die Außen- oder Innenkante des Fußes – wie erleben Sie die Form Ihres Fußes? Welche neuen Berührungen an der Haut Ihres rechten Fußes spüren Sie durch den Strumpf hindurch?
  • Bringen Sie nun etwas mehr Gewicht auf ihre rechte Fußsohle – und nehmen dies wieder zurück. Was verändert sich? Geben Sie nur so viel Gewicht nach rechts, wie es angenehm für Sie ist. Können die Rundungen der Kastanien in das Gewebe Ihrer Fußsohle hineinwirken? Können Sie an diesen Stellen nachgeben?
  • Spielen Sie mit Ihrer Gewichtsverlagerung nach rechts: wie wirkt sich das auf Ihr ganzes Bein und auf Ihr Stehen aus? Ist es möglich, vielleicht das ganze Gewicht auf den rechten Fuß und auf den Kastanien ankommen zu lassen? Achten Sie auf Ihre Grenzen und respektieren sie diese – wenn es sehr unangenehm wird, reduzieren sie die Gewichtsverlagerung wieder.
  • Lösen Sie nun die rechte Fußsohle von den Kastanien und spüren Sie nach, wie Ihre beiden Fußsohlen am Boden stehen. Vergleichen Sie die Empfindungen Ihrer rechten und linken Fußsohle – gibt es Unterschiede in Ihrer Wahrnehmung? In der Größe oder in der Breite der Fußsohlen? Gibt es Auswirkungen auf Ihr rechtes Bein, auf das Stehen und Ihre Aufrichtung? Wie nehmen Sie auf der rechten, bearbeiteten Seite Ihre Schulter wahr im Vergleich zu links?
  • Kommen Sie mit Ihrem ganzen Gewicht wieder auf Ihren linken Fuß und probieren Sie aus, ob Sie nun mit dem rechten Fuß einen Schritt auf die Kastanienfläche machen und darüber gehen können? Wie rollt Ihr Fuß von der Ferse zu den Zehen ab? Wie nehmen Sie die Berührung und den ersten Druck an der Ferse wahr? Wie verlassen die Zehen nach dem Abrollen die Kastanienfläche wieder?
  • Können Sie auch rückwärts darüber gehen? Wie fühlt es sich an, wenn die Zehen als erstes die Kastanienfläche berühren? Wie verteilt sich der Druck auf ihre Fußsohle durch das Abrollen zur Ferse?
  • Spüren Sie jetzt mit beiden Füßen auf dem Boden nach – wie stehen Sie? Wie stabil stehen Sie auf dem rechten Fuß und auf dem linken? Heben Sie einen Fuß vom Boden ab und spüren Sie ihre Stabilität im Stehen auf einem Bein – Gibt es Unterschiede?
  • Gehen Sie durch den Raum und vergleichen Sie ihre beiden Füße im Gehen. Wie rollt der rechte Fuß am Boden ab, wie der linke? Wie spüren Sie dabei die Beweglichkeit Ihres Sprunggelenks und Ihrer Zehen? Welche Stabilität erleben Sie im Auftreten und Ankommen am Boden mit dem rechten Fuß oder dem linken? Vergleichen Sie Ihre beiden Füße auch im Rückwärtsgehen: das erste Aufkommen der Zehen, die Veränderungen in den Zehengrundgelenken, das Abrollen über die Fußballen und den Mittelfuß bis zur Ferse.
  • Lassen Sie nun dem linken Fuß die Erfahrungen auf den Kastanien machen.
  • Als Abschluss findet das „leichtfüßige“ Gehen als ganzkörperliche Bewegung eine besondere Beachtung.

Durch diese Faszienarbeit verändert sich die Gelenkbeweglichkeit des Fußes, der Zehen, sowie die funktionelle Gesamtheit im Abrollen und trägt insgesamt zu einer Verbesserung des Gehens und der Aufrichtung bei.

In der Faszien-Eutonie arbeiten wir auch mit dem Tennisball schmerzfrei unter der Fußsohle. Die mittlerweile in der Physiotherapie, Fitnesskursen und im Faszientraining weit verbreiteten Übungen mit dem Tennisball unter der Fußsohle, an der Wand und vielen weiteren Möglichkeiten, kommen ursprünglich aus der Eutonie.

Ist eine schmerzfreie Faszienarbeit möglich?

Ja, weil die Übenden in der Faszien-Eutonie:

  • Lernen, ihren Tonus selbst zu beeinflussen,
  • Lernen, zu spüren, wieviel Druck sie ins Fasziengewebe hineinwirken lassen und wie sie in der Tiefe nachgeben können
  • Lernen, sensibel ihre Grenzen wahrzunehmen und diese auch zu achten

Die Behandlung der Faszien zur Verbesserung der Gleitfähigkeit und Flexibilität ist unumstritten und sehr hilfreich. Viele haben eine „Blackroll“ gekauft, jedoch klagen viele Anwender darüber, wie schmerzhaft die Eigenbehandlung ist. Wenn es während der Selbstmassage zu so starken Schmerzen kommt, zieht sich reflektorisch das Gewebe von der Faszienrolle zurück statt „schmelzend“ zur Rolle hin nachzugeben, wie es das Faszientraining eigentlich beabsichtigt.

Natürlich zeigt der Schmerz im Muskel- und Fasziengewebe umso deutlicher, dass es gerade an diesen Körperstellen sogar besonders wichtig ist, diese Verklebungen und Festigkeiten der Faszien zu bearbeiten und vor allem den Tonus zu regulieren. In meinem beruflichen Umfeld wird mir jedoch des Öfteren berichtet, dass die Blackroll bei stark erlebtem Druckschmerz schnell wieder ganz beiseitegelegt und nicht weiterverwendet wird.

Hilft das Faszientraining nur, wenn es wehtut?

Nein – Faszien-Eutonie ist eine sanfte, schmerzfreie und nachhaltige Übungsweise, um selbstständig Spannungen in oberflächigen und auch tieferliegenden Muskel- und Faszienschichten erfolgreich zu regulieren. Der Druck von einer Rolle oder einem Ball darf nach innen auch deutlich spürbar sein, aber nur so, dass die Übenden sich dabei wohlfühlen und in der Lage sind, die Spannungen in dem angesprochenen Fasziengewebe zu lösen. Auch Dr. Robert Schleip schreibt in seinem Buch über Faszientraining: „Ein Wohlwehgefühl, also angenehmer Druck, wie Sie ihn vielleicht von Massagen her kennen, darf sich einstellen, ein scharfer Schmerz jedoch nicht.“ (Schleip, S. 108).

Ziel der Faszien-Eutonie: T o n u s f l e x i b i l i t ä t:

Bei vielen Menschen ist die Tonusflexibilität durch chronische Verspannungen und Fehlhaltungen eingeschränkt. Ganze Muskelgruppen sind dauerhaft fixiert und stören vitale Funktionen, z. B. die Atmung, Durchblutung, Stoffwechsel- und Organtätigkeit. Durch unzählige Erlebnisse in der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen bilden sich ganz individuell eigene Körperstrukturen und Prägungen heraus, die chronische Tonusfixierungen und Verhärtungen in den Muskelketten nach sich ziehen.

Ziel der Übungsweise in der Eutonie ist es, diese chronischen Tonusfixierungen zu lösen und den Span­nungs­aus­gleich – die Tonusregulierung - im gesamten Organis­mus herbei­zufüh­ren, so dass sich die ur­sprüngli­che Leben­digkeit und Beweglichkeit wieder ein­stellen kann. In der Fortsetzung führt die gelernte Fähigkeit der Tonusregulierung zu einer Tonusflexibilität im Leben und erleichtert im Alltag den Herausforderungen angemessen zu begegnen. Das bedeutet, eine innere Flexibilität, sich jederzeit neu mit der eigenen Wahrnehmung auf die aktuellen Gegebenheiten einstellen zu können. Das gilt für die eigenen gesundheitlichen Wahrnehmungen, wenn z. B. eine Verspannung oder ein Schmerz auftritt genauso wie für alles was im Alltag oder im Beruf um uns herum passiert.

Die Entwicklung des Körperbewusstseins ist im Alltag hilfreich für fließende und leichte Bewegungsabläufe. Faszien mögen bewegt und gerne ganz unterschiedlich diagonal gespannt werden. Gerade durch die Vielfalt verschiedener Bewegungen werden sie flexibler und elastischer. Schon ein spontanes Strecken, Dehnen und Räkeln im Liegen, im Sitzen oder auch im Stehen ist hilfreich und nahezu überall umsetzbar – auch als Minipausen am Arbeitsplatz. 

Ein Beispiel aus dem Alltag

Nach einem langen Arbeitstag legt sich jemand mit Rückenschmerzen auf eine Matte am Boden, um sich zu entlasten. Durch das lange Sitzen kam es zu enormen Verhärtungen und Schmerzpunkten in der großflächigen Lumbalfaszie. Zusätzliche Schmerzen sind jetzt unerwünscht – sie sollen aufhören, möglichst sofort.

Die Faszienrolle oder die Faszienbälle sind zu hart und würden zusätzliche Schmerzen verursachen, weil das Gewebe nach dem Arbeitstag sehr verspannt ist. Tennisbälle sind zwar auch sehr fest, aber dennoch etwas nachgiebig. Hilfreich ist jetzt die schmerzfreie Tonusregulierung mit 2 Tennisbällen an der Rückseite des Beckens.

Die besondere Übungsweise der Faszien-Eutonie

Die Eutonie-Anleitung beinhaltet achtsame, vorbereitende Schritte, z. B. das Erspüren der Auflageflächen zur Ganzkörperwahrnehmung in Rückenlage. Dann ist es sinnvoll, nur den senkrechten Druck beider aufgestellter Füße in den Boden auszuprobieren und die Veränderungen an der Auflage des Beckens wahrzunehmen. Beim nächsten Hochstützen von beiden Füßen senkrecht in den Boden werden zwei Tennisbälle rechts und links unter die Gesäßmuskulatur gelegt. Es wird Zeit gelassen, um die Stütze beider Füße langsam zurückzunehmen, so dass sich die Rückseite des Beckens vom Gewicht her langsam auf die Rundungen beider Tennisbälle beginnt niederzulassen.

Die Hauptaufmerksamkeit liegt auf folgende Fragen: Ist an der Rückseite des Beckens die erste Berührung mit der Haut, durch die Kleidung hindurch, an beiden Bällen spürbar? Wie beginnt sich das Faszien- und Muskelgewebe um die Rundung der Bälle zu schmiegen? Wieviel Gewicht des Beckens darf sich auf die Bälle niederlassen, damit es noch angenehm ist? Wie wirken die Rundungen der Tennisbälle in das Gewebe hinein und kann das Gewebe an den Berührungsstellen lösen?

Wenn der Druck der Bälle zu stark wird, werden die Übenden aufgefordert sich wieder mehr auf ihre beiden Füße zu stützen, damit sich das Gewicht des Beckens wieder etwas von den Bällen entfernt. Dieses wiederholte Wegstützen und sich wieder sinken lassen reguliert sehr wirkungsvoll den Tonus auch in sehr tiefen Schichten des Beckens und der Lumbalfaszie.

Ein „Wohlweh“ oder ein starker Druck ist möglich, aber nur so viel, wie das ganze Gewebe auch im Umfeld der Bälle bereit ist, nachzugeben. Bei manchen Menschen geht es leicht, und andere brauchen mehrere Wiederholungen, je nach Verspannungen, Druck- und Schmerzempfindlichkeit. Auch während einer Gruppen-Eutoniestunde wird genug Zeit und Freiraum gegeben, damit jeder in seinem eigenen Rhythmus diese Spannungsregulierung erleben kann - ohnedas es schmerzt.

Das Lösen der Spannung in der Tiefe der Gewebeschichten geschieht durch das Eutonie-Prinzip „Kontakt“  zum Material und kann so angeleitet werden: Spüren Sie zu den Berührungsstellen der Haut an der Rückseite ihres Beckens und begleiten Sie innerlich das Gewicht ihres Beckens mit der Schwerkraft, das sich auf diesen beiden Rundungen der Bälle niederlässt. Geben Sie das Gewicht ab – durch die Haut und durch ihre Kleidung hindurch zu den Bällen und weiter durch die Tennisbälle zum Boden. Falls das Liegen auf den Bällen in selten Fällen nicht angenehm werden konnte, nimmt man die Tennisbälle sofort heraus und die Eutonie-Pädagogin leitet andere Wege zum Lösen der Spannungen an.

Die Übenden spüren meist, wie das myofasziale Gewebe immer weicher und nachgiebiger wird, so dass sie mit der Zeit angenehm unterstützt auf den Bällen liegen können, auch wenn dies am Anfang kaum möglich erschien. Die Tonusregulierung geschieht unmittelbar. Wenn der Druck der Bälle in die Tiefe wirkt und sich reduziert hat, können Variationen dazu genommen werden: z. B. das Pendeln beider Knie nach rechts und links, so dass auch das Umfeld des Gewebes, wo die Bälle liegen, mit reguliert wird, oder ein Knie wird zum Bauch gezogen, so dass sich der Druck des Tennisballs ins Gewebe auf dieser Seite sogar noch verstärkt und auch in tiefsten Schichten den Tonus reguliert. Viele weitere Variationen sind möglich.

Der Abschluss und das Herausnehmen der Bälle ist zusätzlich eine wichtigeÜbungsphase zum Lösen von Spannungen. Die Eutonie-Pädagogin leitet die Teilnehmer an, sich bewusst von beiden Fußsohlen abzustützen – die Bälle herauszunehmen – und dann in „Zeitlupe“ sehr langsam das Niederlassen an den Boden zu beginnen. Vom Rücken aus beginnen in kleinen Schritten das Gewicht Stück für Stück wieder neu an den Boden zurücksinken zu lassen.

Je mehr Zeit sich die Übenden nehmen, desto mehr kann sich auch in tiefen Schichten des Rückens Spannung lösen. Erst ganz zum Schluss wird auch das Gewicht des Beckens an die Unterlage abgelegt. Häufig berichten die Übenden über ein sehr gutes Wohlbefinden im Lendenbereich - er liegt besser und breiter am Boden usw.

Verfeinerung des Körperbildes durch Faszien-Eutonie

Diese achtsamen Berührungen an der Haut und Hautgrenze vermittelt ein Bewusstsein für die eigene Körperhaltung und Körperform. Es entwickelt sich das eigene Körperbild, welches beispielsweise durch Modelagen mit Ton in der Eutonie sichtbar wird. Der Ton wird mit geschlossenen Augen in ca. 15 min zu einer menschlichen Figur geformt (Körperbildtest nach Gerda Alexander):

Die braunen Tonfiguren wurden zu Beginn der Eutoniestunden von den Teilnehmerinnen geformt; die weißen Tonfiguren nach 3 Vormittagen Eutonie-Unterricht. Deutliche Veränderungen im Körperbild sind erkennbar.

Die Arbeit mit Faszien-Eutonie ist besonders hilfreich bei reversiblen Funktionsstörungen im Muskel- und Fasziengewebe sowie für das freie Bewegungsspiel der Gelenke. Bei Bewegungseinschränkungen der Gelenke sind es oft gar nicht die Gelenke selbst – zumindest in einem frühen Stadium – sondern die Muskel- und Faszienstrukturen darum herum, die die volle Beweglichkeit des Gelenkes hemmen und einschränken. Diese verminderte Beweglichkeit reduziert die Ernährung des Knorpels über die Synovialflüssigkeit und führt langfristig zu Knorpelschäden und Gelenkschmerzen.

Die Faszien-Eutonie reguliert die Spannungen im ganzen Körper, so dass sich die Beweglichkeit verbessert und neue Bewegungsfreude entsteht. Das Spüren und Üben mit dem Körper und das Bewusstsein, in Eigenverantwortung etwas für die eigene Gesundheit zu tun, verbessert auch nachhaltig die Gesundheitskompetenz.

Wirkungen der Faszien-Eutonie bei Knie- und Beinschmerzen

Nachhaltige Schmerzreduzierung in 10 Eutonie-Einzelstunden

Die neue Faszienforschung zeigt auf, dass es gerade die Festigkeiten, Verhärtungen in den Faszienschichten und dem Muskelgewebe sind, die einen flexiblen Gebrauch der Gelenke bereits einschränken. Das heißt, lange bevor beispielsweise ein Gelenk Schaden nimmt, sind es die umgebenden Strukturen, die Muskelketten und Faszienzugbahnen, die durch einen erhöhten Tonus, Verklebungen und Verfilzungen weniger gleitfähig sind. Statt angenehme,fließende, leichte Bewegungen entstehen ruckelige und reduzierte Bewegungen. Die Übungsweise der Eutonie nach Gerda Alexander verbessert durch die Tonusregulierung die Gleitfähigkeit des myofaszialen Gewebes.

Denn es ist in jeder Lebensphase hilfreich, über die Körperwahrnehmung mit Eutonie den eigenen Körper besser kennenzulernen und zu spüren,
• entweder als Prävention, damit größere Schäden am Bewegungsapparat erst gar nicht entstehen und eine gute Beweglichkeit bis ins hohe Alter möglich wird;
• zur Linderung der bereits eingetretenen Schmerzsignale sowie zum Abbau der Verhärtungen und Verspannungen des Körpers, denn eine Entlastung durch das Erlernen ganzheitlicher Körpermethoden ist möglich;
• als Vorbereitung auf Operationen, indem physiologische Bewegungsmuster angebahnt und vorbereitet werden, was eine wertvolle Unterstützung für das Ergebnis und den postoperativen Heilungsverlauf darstellt (die  Gelenkbeweglichkeit im vollen Umfang kommt besser zurück mit gesundem, physiologischen Tonus in den Muskel-und Faszienschichten);
• als Unterstützung der eigenen Rehabilitation nach Stürzen, Verletzungen oder Operationen, damit die Bewegungsabläufe wieder leichter möglich sind.

80 % der unspezifischen Rückenschmerzen werden durch eine reduzierte Gleitfähigkeit der Faszien in der Lumbalschicht verursacht, teilte Robert Schleip in der Fortbildung „Die Faszien als sensorisches und emotionales Organ“ mit. Das bedeutet, dass die Faszienschichten im Lendenbereich bei gesunden, schmerzfreien Menschen circa 65 % übereinander gleiten. Bei Menschen mit Beschwerden im Rücken verschieben sich diese Schichten nur noch zu 35 %. Über die Regulierung des Spannungszustandes in den zugehörigen Gewebeschichten, Muskelketten und Faszienzugbahnen lässt sich diese Gleitfähigkeit wieder deutlich verbessern, der Rückenschmerz wird milder, tritt seltener auf und verschwindet, je nach individueller Situation und Veränderungsmöglichkeiten,wieder ganz.

Funktionelle Bewegungszusammenhänge

Über vielfältige Möglichkeiten der Körperwahrnehmung führt die Eutonie nach Gerda Alexander zum Erleben der funktionellen Bewegungszusammenhänge. In Eutonie-Stunden werden Lernprozesse angeregt, wie jeder selbst individuell seine Spannungen im Muskel- und Fasziensystem sowie im gesamten Organismus regulieren kann.

Mit dem Bewusstwerden der knöchernen Strukturen, Gelenke, Bewegungsachsen, Haut und dem Gewebe in der Tiefe können mit der Regulierung des Tonus im myofaszialen Gewebe die Bewegungen fließender, leichter und ökonomischer werden.
Neue Bewegungsfreude stellt sich ein und dies gilt – ganz individuell – für jede Altersstufe.Gerade auch für Menschen im fortgeschrittenen Alter ergeben sich neue Spielräume, sich schmerzfrei und vital im Beruf und im Alltag zu bewegen.Spezifische Bewegungsmuster übertragen sich schon von den Eltern über die nonverbale Tonusübertragung (Tonusadaption) auf die Kinder. Im Heranwachsen und als Erwachsene können sich individuelle Bewegungsmuster weiter günstig oder ungünstig entwickeln. Je nach Lebensumfeld und beruflichen, oft einseitigen Tätigkeiten kann es jahre- und jahrzehntelang zu völlig unphysiologischen Bewegungen und zu einem ungünstigen Gebrauch des Körpers kommen:
Die Körperstrukturen und der Bewegungsapparat passen sich den funktionellen Fehlbelastungen an und es entstehen beispielsweise X oder O-Beinstellungen, Rundrücken, Hohlkreuz, chronisch überstreckte Kniegelenken (mit enormen Rückenschmerzen), Schulter-Nackenprobleme, Kopfschmerzen und vieles mehr, um nur ein paar sehr häufige Beispiele zu nennen. Im jungen Erwachsenenalter toleriert der Körper diese Fehlbelastungen meist noch ohne jegliche Schmerzen. Jedoch summieren sich in den Gelenken und dem Muskel- und Fasziensystem über Jahre bis Jahrzehnte diese Fehlbelastungen. Sie zeigen sich dann in den bildgebenden Untersuchungsverfahren der Ärzte als sogenannten „Verschleißerscheinung“: Dazu gehören etwa abgenutzte Knorpelstellen in den Knie- oder Hüftgelenken, an den Schulter- und Wirbelgelenken oder eine Erniedrigung (Höhenreduzierung) der Bandscheiben.
Es kommt zunehmend zum Einsatz von Schmerzmitteln, sinnvollerweise hoffentlich zu physiotherapeutischen Behandlungen und eben auch zu Operationen, die nicht immer zwingend sind.

Fallbeispiel

Angefangen hat die „Schmerzkarriere“ von Frau M. bereits vor 20 Jahren, als sie 44 Jahre alt war. Der damalige Orthopäde konnte sich ihre starken Schmerzen nicht erklären: Sie hatte nur eine leichte X-Beinstellung in den Knien und war normalgewichtig. Woher sollten also die großen Schmerzen kommen, die sie beschrieb? Im Röntgenbild waren nur mäßig arthrotische Veränderungen zu erkennen, jedoch klagte sie über starke Schmerzen in beiden Oberschenkeln und über Verhärtungen sowie Steifheit der Beine. In einer späteren Untersuchung wurde eine Geröllzyste am Tibiakopf entdeckt und operativ entfernt.
Mit den Schmerzen in den Kniegelenken ging es weiter und einige Jahre später schlug ein weiterer Orthopäde eine OP zur Korrektur der X-Beinstellung vor, was Frau M. ablehnte. Frau M. entschied sich, trotz immer wieder auftretender Schmerzen weiter in Bewegung zu bleiben und auch längere Walkingstrecken durchzuführen.

Aber die Schmerzen im Körper (Knie, Becken, Hüften, Rücken sowie Schultern und Nacken) hatten über die letzten 20 Jahre so zugenommen, dass Frau M. Ende Februar 2021 verzweifelt bei mir nachfragte, ob es durch die Körperarbeit der Eutonie eineMöglichkeit zur Reduzierung der Schmerzen für sie gebe.
In der ersten Kontaktaufnahme erlebe ich eine 64-jährige, sportliche und bewegungsfreudige Frau. Sie klagt über sehr starke Schmerzen in beiden Kniegelenken und Beinen, Rückenschmerzen, einen sehr verspannten Schulter- und Nackenbereich und Kopfschmerzen. Die Knie sind häufig etwas geschwollen und reagieren mit Ödemen.Schmerzen in den Knien sind auch in Ruhe da.

Eines ihrer Hauptprobleme: Wenn sie längere Zeit sitzt und die Knie lange im rechten Winkel gebeugt waren, hat sie sehr starke Schmerzen beim Aufstehen. Der Schmerz ist so heftig, dass sie nicht spontan losgehen kann. Manchmal erlebt sie es wie eine Blockade.
Ihre beiden Beine fühlen sich wie „Stöcke“ und die Füße so plump wie „Bleifüße“ an.

Eutonie-Einzelstunden

Wichtig war nun, dass Frau M. sofort eine Möglichkeit bekommt, um zu lernen, wie sie ihren Spannungszustand im Körper reduzieren und dadurch selbst zur Entlastung beitragen
kann. Die Selbstwirksamkeit reduziert die Verzweiflung der Klienten enorm und zeigt einen neuen Weg auf zur Verbesserung des eigenen Wohlbefindens. Ganz zentral im Rückenbereich ist die Faszienarbeit
mit zwei Tennisbällen unter der Rückseite des Beckens in der Rückenlage mit aufgestellten Füßen. Ergänzt wird dies durch die sofort wirksamen, spannungsregulierenden Eutonie-Übungen für den Schulter- und Nackenbereich.

Beschreibung einer Eutonie-Einzelstunde

In Rückenlage mit aufgestellten Füßen kann Frau M. nur das rechte Knie zum Bauch ziehen. Das linke Knie geht nur knapp über 90 Grad näher an den Bauch, da sonst ihr Hüftgelenk schmerzt. Sie zeigt mir mit ihren Händen, wo sie den Schmerz empfindet, und fasst sich an den vorderen oberen und unteren Darmbeinstachel (Spina iliaca anterior superior und inferior). Als Eutonie-Therapeutin bin ich „erleichtert“, denn das Hüftgelenk befindet sich in der Mitte der Leiste und war somit nicht die Ursache des Schmerzes. Jedoch haben mehrere Muskeln des Oberschenkels dort ihren Ursprung. Durch den erhöhten Tonus in dieser
Muskulatur wird das Gewebe an der Ansatzstelle gereizt und schmerzt. Dieser erhöhte Tonus im myofaszialen Gewebe reguliert sich unmittelbar mit der Übungsweise der Eutonie auch in der Tiefe.
Beispiel:

In Bauchlage legt Frau M.unter die Vorderseite des rechten Oberschenkels ein Kirschkernsäckchen. Das Gewicht des Beines sinkt mit der Schwerkraft auf das Kissen: Es entsteht etwas Druck an der Auflagefläche, die Kirschkerne wirken durch die Kleidung hindurch auf die Haut und in die Tiefe des myofaszialen Gewebes an der Vorderseite des Oberschenkels (Eutonie- Prinzip Berührung). Da der Tonus bei
Frau M. sehr hoch ist, leite ich sie an, die Auflagefläche wahrzunehmen und zunächst das Gewicht des Oberschenkels durch die verschiedenen Schichten, die Haut sowie Kleidungnachunten an das Kissen abzugeben und weiter durch das Kissen hindurch zum Boden (Eutonie-Prinzip Kontakt). Dies führt zur Tonusregulierung auch in tiefen Schichten und dies spüren die Übenden unmittelbar: Der empfundene Druck reduziert sich, wenn das myofasziale Gewebe loslässt und sich an das Eutonie-Material anschmiegt. Wenn das Gewebe sich bereits ein Stück von der Spannung her reguliert hat (die Auflagefläche
wird angenehmer), setze ich meine Anleitung fort: Durch das Rollen des gestreckten Beines bringt Frau M. nun mehr benachbartes Gewebe des M. Quadriceps femoris und der gesamten Muskulatur der Vorderseite mit dem Eutonie-Material in Berührung.

Nach einer Pause erfolgt die nächste Intensivierung der Faszienarbeit: In Bauchlage beugt sich der rechte Unterschenkel und der Fuß bewegt sich in Richtung Zimmerdecke. Diese Dehnung der Beinvorderseite intensiviert die Wirkung des Eutonie-Materials auf dasmyofasziale Gewebe – Flexibilität, Gleitfähigkeit und Nachgiebigkeit sind erforderlich, damit sich die Ferse in Richtung Becken bewegen kann. Die Klientin spürt und entscheidet, wie weit sie das Knie beugt und achtet auf ihre individuelle Grenze. Dann streckt sie das Bein in der Achse und legt es zurück an die Matte. Bei Wiederholungen beobachte ich das Wegziehen
des rechten Beckens während des Beugens. Dies ist für mich als Eutonie-Therapeutin ein verlässlicher Hinweis, dass zusätzlich zum hohen Tonus an der Beinvorderseite auch der M. iliopsoas von Frau M.
deutlich verkürzt ist. Eine weitere Stufe der Intensivierung der Faszienarbeit erfolgt, indem sich der rechte Unterschenkel nun bis etwa 90 Grad im Kniegelenk beugt, sodass die Fußsohle in Richtung Zimmerdecke zeigt. In dieser Position bewegt Frau M. den Unterschenkel etwas nach innen, wieder zurück in die Mitte und nach außen. Durch diese langsam und achtsam durchgeführte Pendelbewegung des Unterschenkels
drängen nun weitere Bereiche des myofaszialen Gewebes an der Beinvorderseite an das Kirschkernsäckchen. Durch die Verlagerung des Beines wird der Druck und die Wirkung in tiefere Faszienschichten intensiviert und der Tonus im gesamten Gewebe reguliert.

Frau M. zieht nun das Kirschkernsäckchen  heraus und ein zufriedenes Seufzen ist hörbar. Sie beschreibt begeistert ihre Empfindung: Der rechte Oberschenkel liegt nun viel breiter auf der Unterlage auf, das ganzeBein fühlt sich leichter und länger an.Wenn der Tonus sich in den Muskelketten und Faszienzugbahnen reguliert und sich das chronische Verspannen durch die Faszien- Eutonie spürbar reduziert, erleben die Übenden das Bein im Vergleich zur anderen Seite oft als länger. Manche beschreiben diesen Unterschied mit 10 oder sogar 20 cm, der sich selbstverständlich nach Bearbeitung der anderen Seite wieder völlig ausgleicht.

Wirkung der Eutonie im Seitenvergleich

Frau M. vergleicht in Rückenlage die Empfindung ihrer beiden Beine. Das rechte, bearbeitete Bein liegt flächiger, tiefer am Boden, das Bein fühlt sich auch in Rückenlage längeran. Es ruht gelöst am Boden und der Fuß zeigt mehr nach außen. Um ihre Beine auch in der Bewegungsempfindung zu vergleichen, hebt Frau M. das gestreckte rechte Bein einmal von der Matte nach oben in den Raum, um das Gewicht des Beines und die Bewegungsqualität wahrzunehmen: Sie „jauchzt“ vor Begeisterung – endlich spürt sie ihr Bein einmal leicht und beweglich (nicht wie einen Stock). Vergnügt legt sie das rechte Bein wieder an den Boden und hebt zum Vergleich das linke Bein. Stöhnend beschreibt sie, wie unglaublich schwer das linke, noch nicht behandelte Bein sich anfühlt und sich kaum vom Boden wegbewegen will. Sie kann es zwar heben,aber es ist extrem anstrengend für sie.

Diese eigene Wahrnehmung für die konkret erlebten Seitenunterschiede überzeugt die Übenden oft schon in der ersten Eutonie-Einheit von der Wirkung der Eutonie nach Gerda Alexander. Nach der Bearbeitung der anderen linken Oberschenkelvorderseite fühlen sich beide Beine von Frau M. wieder gleich lang, leichter und geschmeidiger an. Sie zieht in Rückenlage mit  aufgestellten Füßen das linke Knie mit den Händen zum Bauch. Der vorher von ihr beschriebene linke „Hüftschmerz“ – der Schmerz am oberen vorderen Darmbeinstachel – war durch die Tonusregulierung an der Vorderseite des Oberschenkels völlig verschwunden. Mit Bildern der Anatomie zeige ich ihr die funktionellen Zusammenhänge am Skelett. Seitdem ist dieser Schmerz in den letzten 10 Wochen nichtwiederaufgetaucht. Er wird auch nachhaltig wegbleiben, da Frau M. die vielfältigen funktionellen Bewegungsmuster an beiden Beinen und im gesamten Organismus verändert und verbessert hat. Die achtsame Eutoniearbeit an den Beinachsen im Liegen, Sitzen, Stehen und Gehen reduziert die Fehlbelastungen und die physiologischen Bewegungenintegrieren sich in den Alltag.

Eine wichtige Ursache für Frau M.s enorme Tonuserhöhungen in den Beinen ist ihre völlig unphysiologische Gewohnheit, ständig die Zehen hochzuziehen und dazu das ebenfalls unphysiologische Gangbild: Beim Gehen zieht sie die Zehen und den Fuß extrem hoch und dasWegdrücken des hinteren Fußes vom Großzehballen fehlt völlig. Das führt zu einer enormen Tonuserhöhung im vorderen Schienbeinmuskel (M. tibialis anterior) und dem Zehenstrecker (M. extensor digitorum longus) sowie in der gesamten Unterschenkel- und Oberschenkelmuskulatur. Da sie mehrmals pro Woche zum Walken geht ist dies ein wichtiges Übungsfeld im Alltag für Frau M.

Sie lernt, sich vom Großzehenballen und den Zehen beim Gehen vom Boden abzudrücken. Dieser „Katapulteffekt“verbessert ihre Faszien im gesamten Organismus und führt zu einer Tonusreduzierung derGegenspieler auf der Vorderseite des Beines (M. tibialis anterior und M. extensor digitorum longus) sowie zu einem neuen, leichteren, federnden Gang.
Das Erlernen des physiologischen Gehens wirkt sich regulierend auf die gesamten vorderen und hinteren Faszienzugbahnen sowie die Muskelketten aus.
 

Fazit
Die seit 20 Jahren aufgebauten chronischen Schmerzen von Frau M. haben sich in der kurzen Zeit (10 Behandlungen) deutlich gemildert und sind im linken Knie ganz verschwunden. Das rechte Knie ist noch etwas in X-Beinstellung, aber der Schmerz ist reduziert und nicht mehr durchgängig vorhanden. Frau M. hat bereits sehr viel über die funktionellen und körperlichen Zusammenhänge gelernt und kommt mit vielen Alltagsbewegungen besser zurecht, darunter etwa mit dem spontanen Aufstehen nach längerem Sitzen. Sie erlebt ihre Beine nun als leichter und beweglicher – die Steifigkeit hat sich deutlich reduziert.

Über die innere Achtsamkeit und Körperwahrnehmung sind nun zusätzlich Alltagsbewegungen zum Übungsfeld geworden. Völlig verblüfft und begeistert ist sie von den großen und positiven Auswirkungen dieser kleinen spürsamen Bewegungen in der Eutonie nach Gerda Alexander. Sie hat ihren Körper neu kennengelernt. Durch den Lernprozess in den Eutonie-Stunden weiß sie nun, was sie unterstützend für ihre Gesundheit tun kann. Ihre individuelle Gesundheitskompetenz hat sich enorm entwickelt.

Keywords:Bewegungsapparat, Faszien-Eutonie, Eutonie, Schmerzreduzierung, Gerda Alexander, Faszienforschung


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